Drückt die Blase, ist der Gang zur Toilette nicht nur Pflicht, sondern ein Automatismus. Wer unterwegs ist, schaut, dass er oder sie möglichst rasch ein öffentliches WC findet. Doch bei einigen Menschen läuft es nicht so richtig. Sie haben Schwierigkeiten, außerhalb der privaten Umgebung und an vergleichsweise ungestörter Stelle zu urinieren. Die Medizin bezeichnet das Problem als Paruresis; im Englischen nennt man es “shy bladder syndrome”, was einfach übersetzt als “schüchterne Blase” zu verstehen ist. Therapeuten sprechen auch vom “psychogenen Harnverhalt”.

Der englische Begriff “syndrome” – im Deutschen Syndrom – zeigt am treffendsten, um was es grundsätzlich geht. Ein Syndrom ist nämlich keine Krankheit. Das Wort beschreibt vielmehr ein Leiden. Was die Belastung für Betroffene keineswegs mindern soll. Denn wer nicht kann, wenn er muss, ist einem bestimmten Zwang ausgesetzt. Und der führt im Laufe der Zeit unweigerlich zu tiefgreifenden Vermeidungsverhalten. Betroffen sind übrigens mehr Männer als Frauen.

Formen der Miktionsstörungen

Die Paruresis gehört aus ärztlicher Sicht zu den sogenannten Miktionsstörungen. Das sind Erkrankungen, bei denen das Wasserlassen nicht mehr beschwerdefrei möglich ist. Die Medizin kennt drei Gruppen von Miktionsstörungen:

  1. Obstruktive Miktionsstörungen

Hierbei ist der Harnabfluss aus der Blase gestört, beispielsweise durch eine vergrößerte Prostata, oder Harnsteine. Typische Zeichen sind ein verzögertes und verlängertes Wasserlassen. Manchmal träufelt Harn nach, und Betroffene haben das Gefühl, das trotz Toilettengang die Blase nicht ganz entleert ist.

  1. Irritative Miktionsstörungen

Sie entstehen durch eine Reizung der Harnblase, wie sie zum Beispiel bei Entzündungen (Reizblase) vorkommt. Das Wasserlassen ist erschwert und mit Schmerzen verbunden. Der Harndrang ist deutlich erhöht, allerdings kommen immer nur geringe Mengen.

  1. Harninkontinenz

Betroffene haben das Wasserlassen nicht mehr unter Kontrolle. Die Ursachen hierfür sind vielfältig.

Ausprägung der Paruresis

Obwohl die Paruresis eine Miktionsstörung ist, fällt sie unter keine der genannten Gruppen. Denn für Paruresis gibt es keine körperliche Ursache. Auch die Ausprägung ist verschieden. Bei einigen Betroffenen dauert es auf öffentlichen Toiletten etwas länger, bis sie Wasser lassen können. Anderen ist es selbst bei gut gefüllter Blase unmöglich, zu urinieren.

Je nach Schweregrad ist auch die Umgebung mit entscheidend: Während einige Menschen mit Paruresis die Probleme nur aus öffentlichen WCs kennen, schaffen andere den Toilettengang nur noch in den bekannten vier Wänden des heimischen Badezimmers.

Angst vor der Öffentlichkeit

Auch, wenn nicht körperlich, gibt es bei Paruresis bestimmte Auslöser. Die Medizin spricht von einem „Zwei-Faktoren-Modell“.

Führend ist die Angst Betroffener, in Anwesenheit von anderen beobachtet zu werden. Bei öffentlichen Urinalen ist die Situation hierfür besonders gegeben, was erklärt, dass weitaus mehr Männer als Frauen an einer Paruresis leiden.

Diese zunächst emotionale Ursache wirkt sich in Form von Stressempfinden auf den Sympathikus aus. Der sogenannte “Aktivitätsnerv” ist der Gegenspieler des Parasympathikus, unserem “Ruhenerven”. Letzterer ist jedoch für die Entleerung der Blase zuständig. Wird dessen regelrechte Funktion durch den Sympathikus gestoppt, ist ein Wasserlassen nicht mehr möglich.

Der zweite Faktor ist die Angst, erneut in den Zustand zu kommen, kein Wasser lassen zu können. Es ist eine Angst vor der Angst, die sich auf diese Weise schnell zu einem Teufelskreis entwickelt.

Nachhaltige Folgen

Es liegt auf der Hand, dass sich der Zustand einer Paruresis auf Dauer nachhaltig auf den Alltag und das seelische Empfinden Betroffener auswirkt. Sie werden ihr Leben mehr und mehr der Situation anpassen und sich neu organisieren. Häufig trauen sie sich nicht mehr nach draußen, meiden soziale Kontakte und haben sogar Angst, zur Arbeit zu gehen. Ausgehen und Urlaub sind kaum mehr möglich und werden zu einer Belastung. Häufige Folgen sind der persönliche Rückzug und Symptome einer Depression.

Bei der Paruresis ist der Schritt, überhaupt über das Problem zu reden, die größte Hürde – und gleichzeitig die wichtigste. Die meisten Betroffenen verdrängen das Thema aus Scham. Doch je früher man handelt und sich einem Therapeuten offenbart, desto besser sind die Heilungschancen und das Ausbrechen aus dem belastenden Kreislauf.

Therapeutische Hilfe

Grundlage jeder Therapie ist zunächst die Untersuchung beim Urologen. Er kann eine körperliche Ursache ausschließen. Ein standardisierter Fragebogen führt schließlich zur Diagnose Paruresis.

In psychologischen Gesprächen und im Rahmen einer Hypnosetherapie lassen sich die Auslöser der Ängste finden. Die einen haben während ihrer Kindheit ein negatives Erlebnis auf einer Toilette gehabt, wurden zum Beispiel bedroht oder gehänselt. Andere befürchten bei jedem Wasserlassen erneut, nicht richtig urinieren zu können und mit dieser Problematik bei anderen aufzufallen. Vor allem Männer haben Angst davor, ihrer selbst gesetzten “Rolle” nicht gerecht zu werden und “beim Pinkeln” zu versagen. Was auch immer der persönlichen Problematik zugrunde liegt: Menschen mit Paruresis kann erfolgreich geholfen werden. Damit es im Alltag und auf der Toilette wieder läuft.

Tipps zur ergänzenden Hilfe

Nachfolgend habe ich einige einfache Tipps zusammengestellt, die Betroffenen zusätzlich helfen können.

  1. Akzeptieren Sie für sich, dass Sie beim Toilettengang – wie jeder andere Mensch auch – eine Privatsphäre benötigen.
  2. Denken Sie nicht lange nach und vermeiden Sie das “Kopfkino”. Gehen Sie unterwegs einfach los zur nächsten Toilette – auch, wenn die Blase noch nicht wirklich drückt.
  3. Outen Sie sich beim besten Freund/der besten Freundin. Offenheit ist ein nicht zu unterschätzender Schritt aus dem Kreislauf der Vermeidung.
  4. Nutze Entspannungsübungen, wie beispielsweise die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, oder ein spezielles Training für die Blase.