Gefunkt hatte es zwischen Judith und Martin in den ersten Sekunden. Vor zwei Jahren war das, in diesem coolen, neuen Club, begleitet von der lockeren, ungezwungenen Atmosphäre. Die emotionale Ernüchterung kam allerdings noch am selben Abend, als sich die beiden im Gespräch näher kennenlernten. Judith war Single, doch Martin hatte eine Frau und eine sieben Jahre alte Tochter. Erst vor kurzem war der gutaussehende PR-Berater mit seiner Familie in die Neubausiedlung in der Nähe ihres Heimatortes gezogen.

Und jetzt saß er Judith gegenüber und flirtete auf Teufel komm’ raus. In dieser fremden Stadt, in welche die beiden eine Messe geführt hatte. Judith arbeitete als erfolgreiche Projekt-Managerin, hatte sich vor einem Jahr von ihrem Partner getrennt und war seitdem wieder “auf dem Markt”. Sie musste nicht suchen. Judith konnte wählen. Eigentlich. Und eigentlich war sie mit ihrem Single-Dasein aktuell recht zufrieden. Wäre da nicht plötzlich und unerwartet Martin in ihr Leben getreten.

 

Nebenschauplatz in Martins Leben

Wenn das Herz entscheiden darf, setzt der Verstand aus. Judith warf alle irgendwann einmal in Sachen Liebe selbst entworfenen Vorsätze über Bord. Sie begann eine Affäre mit dem verheirateten Martin. Ihre Rolle als Geliebte nahm sie bereitwillig an. Wirklich wohl fühlte sie sich dabei nie. Immerhin war sie die Frau, die es nicht geben durfte, die Frau hinter den Kulissen und irgendwie ein Nebenschauplatz in Martins Leben.

Alles, was sie immer wieder bestärkte, waren die Aussicht und die Hoffnung, irgendwann einmal die Hauptrolle zu spielen. Die offizielle Frau an Martins Seite zu werden und das Versteckspiel endlich aufgeben zu können. Wie sehr wünschte sie sich das, dieses Gefühl der Freiheit zu erleben. Und wie oft sicherte ihr Martin zu, dass es schon “sehr bald” soweit sein würde.

 

Das unerträgliche Verzichtüben

Heute, nach über zwei Jahren, ist sie noch immer die Geliebte. Nicht mehr und nicht weniger. Martin hat Frau, Haus, bald ein zweites Kind und ein weitgehend geregeltes Familienleben. Judith fühlt sich als “Abwechslung”, als schönes Beiwerk dieses für sie immer noch begehrenswerten Mannes, der sie doch immer wieder und immer spürbarer hinhält. Martin scheut offenbar die Entscheidung pro Judith und contra seines bisherigen Lebens.

Während Judith Verzicht übt, wartet und hofft, kaum mehr mit Freundinnen ausgeht, ihren Alltag auf den Zeitplan von Martin abstimmt, lebt er sein Leben weiter, wie bisher, schafft Neues und blickt in die Zukunft.

 

Die Hoffnung überwiegt

Die Geschichte von Judith ist kein Einzelfall. In meiner Praxis erlebe ich häufig Frauen, die an ihrer Rolle als Geliebte irgendwann scheitern und Hilfe suchen. Sie befinden sich mitten in einem emotionalen Leidensweg, geprägt von seelischen Höhen und Tiefen, die sich nachhaltig belastend auf das eigene Leben auswirken. Loslassen fällt schwer, denn die Hoffnung auf Änderung der Situation wiegt mehr, als die Stärke, den bitteren Neuanfang ohne den Mann zu wagen, den man doch so sehr begehrt.

Die psychischen Belastungen, die frau als Geliebte ausgesetzt ist, sind zunächst kaum spürbar. Sie entstehen aus der persönlichen Veränderung heraus, die anfangs stets freiwillig erfolgt: Man passt sich an, denn das eigene Leben als Single ist freier zu gestalten, als dasjenige eines verheirateten Partners. Dieser gibt den Ton an, macht Vorgaben, wann man zum Beispiel gemeinsam telefoniert oder sich trifft. Die schönsten Zeiten – manchmal Monate, nicht selten Jahre – vergehen mit Warten und Hoffen. Auf Veränderung. Auf das “Nachrücken” vom Nebenschauplatz ins Rampenlicht.

 

Am Ende steht das Aus

Die Geliebte leidet an innerer Zerrissenheit: Einerseits die Stunden voller Glück, andererseits die lange Zeit der Einsamkeit. Das kostet physische Energie und seelische Kraft.

In über 90 Prozent der Fälle steht am Ende steht das Aus. Je mehr Zeit ohne eine Entscheidung vergeht, desto sicherer ist es, dass der verheiratete Partner überhaupt kein Interesse an einer Veränderung hat. Er hat sich arrangiert mit dem Familienleben, das er fortsetzen möchte, und der Geliebten an seiner Seite, die für ihn Abwechslung und Bestätigung zugleich ist. Oftmals handelt es sich um Narzissten.

Kommt es zum Bruch, fällt die Geliebte in ein tiefes Loch. Sie ist allein, erkennt viel zu spät, wie sehr sie sich für jemanden aufgeopfert hat, der niemals wirklich wollte, dass eine “Liebe erster Klasse” entsteht.

 

Hilfe durch Gespräche

Diese Erfahrung hat negative Folgen für das künftige Eingehen und Erleben von Beziehungen. Wer als Geliebte enttäuscht wurde, hat nicht nur mit gekränkten Gefühlen zu kämpfen. Betroffene Frauen zweifeln an der Liebe, geben sich selbst die Schuld und leiden an Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Hätte man früher handeln müssen? Hätte man nicht längst die Reißleine ziehen müssen?

Ganz gleich, ob im Status der Geliebten, oder am Ende einer für sich selbst enttäuschenden Dreiecksbeziehung: Es ist wichtig, zu handeln. Denn es bringt nichts, sich allein mit Enttäuschung, Ängsten, Scham, Selbstvorwürfen, Passivität und eigenem Misstrauen auseinanderzusetzen.

Am Ende möchte ich Ihnen noch zwei Tipps mit auf den Weg geben, wie Sie als Geliebte handeln können:

  • Drängen Sie ihn auf eine Entscheidung – immer wieder. Bleibt diese aus, beenden Sie die Affäre.
  • Erkennen Sie ihren Wert. So intensiv und reizvoll der Status der Geliebten ist – sie verdienen einen Partner, der es ernst meint und zu ihnen steht. Ganz ohne Vorgaben.