Nicht immer läuft die menschliche Entwicklung in gewohnten Bahnen. Viele Faktoren nehmen Einfluss auf unsere Psyche und unser Seelenleben. Und das bereits im Kindesalter. Einige, der sich daraus entwickelnden Probleme schaffen für Betroffene weitere, emotionale Belastungen. Wie beispielsweise bei der Enkopresis.

Bei kaum einer anderen Erkrankung besteht ein derart großes Risiko einer anfänglichen Fehldiagnose, wie bei der Enkopresis, dem wilkürlichen oder unwillkürlichen Einkoten. Viel zu schnell wird die Ursache auf organischer Ebene festgemacht. Ein Durchfall wird rasch zum eigentlichen Sündenbock der Problematik. Oder Betroffene werden ermahnt, künftig den Gang zur Toilette zeitgerechter einzuleiten. Doch die eigentlichen Probleme, die zu einer Enkopresis führen können, liegen in den meisten Fällen tiefer.

Sauber mit spätestens vier Jahren

Wäre der Mensch von Anfang an sauber, würden Windelfabrikaten und Produzenten von Hygieneprodukten am sprichwörtlichen Hungertuch nagen. Weil das eben nicht so ist, stehen Eltern von Neugeborenen, Babys und Kleinkindern einige Jahre als echte Reinigungsfachkräfte bereit. Tagsüber und auch nachts wird dem Nachwuchs manch‘ Häufchen zum Abfall getragen. Das geht so lange, bis die menschliche Technik der kontrollierten Darmentleerung koordiniert und, nicht zuletzt, am richtigen Ort erfolgt. Das sollte spätestens im Alter von vier Jahren der Fall sein.

Wenn Kinder nach dem vierten Lebensjahr einkoten, und das über drei bis sechs Monate mindestens einmal innerhalb von vier Wochen, sollten Eltern und Erziehungsberechtigte hellhörig werden. Das ist nämlich alles andere, als „normal“, oder lediglich ein „Ausrutscher“. Der Gang zum Kinderarzt ist Pflicht. Nur er kann über das Ausschlussverfahren die richtige Diagnose stellen und entsprechende Therapieempfehlungen geben.

Körperliche und psychische Ursachen

Eine mögliche Ursache für Enkopresis könnte ein genetisches Problem sein. Das ist meist dann der Fall, wenn das Einkoten mit Verstopfung einhergeht. Als organische Ursachen der Stuhlinkontinenz kommen hingegen Darmerkrankungen, eine Spina bifida oder auch ein Morbus Hirschsprung in Frage. Auch anatomische Faktoren, wie ein zu geringer Abstand von Enddarm und Hinterwand der Blase, oder eine Schwäche des Schließmuskels können zu einem krankhaften Einkoten führen.

Die internationale Klassifikation für Krankheiten bezeichnet die Enkopresis auch als “funktionelle Stuhlinkontinenz”. Der Begriff beschreibt sehr genau den Unterschied zur herkömmlichen, auf organischen Auslösern beruhenden, Stuhlinkontinenz. Tatsächlich ist die Enkopresis ein Zusammenspiel aus psychischen und somatischen, also körperlichen, Faktoren. Bei immerhin 30 bis 50 Prozent der Fälle liegen dem Einkoten seelische Probleme und Belastungen zugrunde.

Diese Schwierigkeiten und emotional belastenden Ereignisse sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Das, was für uns als Erwachsene mehr oder weniger einfach „weggesteckt“ wird, kann sich nachhaltig auf die kindliche Psyche auswirken. Spannungen im familiären Umfeld, Trennung und Scheidung der Eltern, aber auch schulische Anforderungen, Depressionen und Angststörungen können mit einer Enkopresis als Symptom einhergehen. Man könnte auch sagen: Die Psyche schreit nach Hilfe. Und dieser Hilferuf kommt, wie wir wissen, in verschiedenen Tonlagen daher. In diesem Fall in Gestalt des Einkotens.

Folgen betreffen verschiedene Bereiche

Das alles bedingt eine umfassende und individuelle Ursachenforschung, beispielsweise im Rahmen einer Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, wie ich sie in meiner Praxis erfolgreich durchführe. Es ist überaus wichtig, die jungen Patienten von Anfang an ernst zu nehmen. Gleichzeitig muss ein behutsames, auf die Allgemeinsituation abgestimmtes Herantasten an das Problem erfolgen.

Denn das Einkoten ist nicht nur eine persönliche Belastung, das massiv seelisch bewegt und schädigt. Es führt auch zu einem Spannungsfeld zwischen Betroffenen und ihrem sozialen Umfeld, nicht zuletzt der Familie. Kinder und Jugendliche, die an Enkopresis leiden, werden sich im Laufe der Krankheitsgeschichte immer mehr zurückziehen und die Öffentlichkeit meiden. Sie scheuen Kindergarten oder Schule, meiden das Zusammensein mit Freundinnen und Freunden und verzichten nach Möglichkeit auf gemeinsame Unternehmungen und Ausflüge.

Neue Denkansätze

Erstes Ziel ist es, das Problem klar anzusprechen und die Bereitschaft Betroffener zu wecken, überhaupt darüber reden zu können. Das kann vor allem bei jüngeren Kindern in einem spielerisch-kreativen Rahmen erfolgen. Dabei gehen wir noch nicht in die Tiefe, sondern agieren überaus strategisch und aktiv. Wichtig ist beispielsweise, den Toilettengang zu einer Selbstverständlichkeit ohne Pflichtbewusstsein zu machen. Hilfreich sind dabei Sauberkeitspläne, in denen Erfolg und Misserfolg vermerkt, aber nur der Erfolg belohnt werden.

Gleichzeitig erfolgt die Ursachenforschung im Rahmen der schon genannten Gesprächs- und/oder Verhaltenstherapie. Bewährt hat sich auch die Hypnosetherapie. Sie führt Patienten zum Kernproblem und weckt die eigenen, bislang ruhenden Kräfte, die seelischen Belastungen anzugehen und sie neu zu bewerten.

Hypnosetherapie als erfolgreiche Hilfe

Wie komplex die Hintergründe bei Enkopresis sein können und wie erfolgreich eine Hypnosetherapie ist, zeigt die Praxis. Ich denke beispielsweise an den Fall eines neunjährigen Jungen, der sich vor Schultoiletten ekelte und den Toilettengang so lang unterdrückte, bis es “vergessen” und der Stuhlabgang unkontrollierbar wurde. Ein anderes Mal begleitete ich einen Zehnjährigen, der sich seit seinerzeit über zwei Jahren einkotete. In der Hypnotherapie stellte sich heraus, dass er von einem Computerspiel derart mitgerissen wurde, dass er den Stuhlgang unterdrückte, um das nächste Level zu erreichen – und der Körper allmählich den gesunden Regelmechanismus des Toilettengangs verdrängt hatte. Wir sprechen in der Psychologie von einem Körpergedächtnis.

Das Gute: Kinder, die einmal “sauber” waren, können recht unproblematisch und erfolgreich das einmal erlernte wieder begreifen und anwenden. Oftmals reichen einige wenige Sitzungen. Nicht nur für die Betroffenen, auch für die Eltern ist es eine große Erleichterung, zurück zur Normalität zu gelangen.

Psychotherapie bei Enkopresis

Wenn der Verdacht auf Enkopresis besteht und organische Ursachen ausgeschlossen sind, sollten Betroffene und ihre Familien diesen Weg wählen. Allgemein ist eine psychotherapeutische Behandlung einer Enkopresis indiziert bei:

  • Ängsten
  • unsicherem Verhalten
  • mangelndem Selbstbewusstsein
  • Konflikten innerhalb der Familie und/oder der Schule
  • Familiären Problemen, wie Trennung, Scheidung, Krankheiten oder Todesfällen
  • ADHS
  • Depressionen
  • Selbstverletzungen
  • Essstörungen