Wenn der Magen sich meldet, sollte man etwas essen. Aussuchen, worauf man Lust hat. Genießen, soweit es die Zeit zulässt. Ein Hungergefühl ist einfach nur unangenehm.

Oftmals reichen ein paar kleine Happen zwischendurch, um dem lästigen Knurren etwas entgegenzusetzen und sich wieder wohlzufühlen. Das empfehlen übrigens auch Ernährungsexperten: Lieber Kleinigkeiten gut über den Tag verteilt zu sich nehmen, als eine einzelne, üppige Mahlzeit, die “vorhalten” soll.

Unkontrollierte Attacken

Was für viele Menschen einfach umzusetzen ist, stellt für andere eine gewaltige Hürde dar. Sie leiden an Binge Eating, oder besser an einer Binge-Eating-Störung (engl. “binge-eating-disorder”). “Binge” ist der englische Begriff für “Gelage”, “eating” ist im Grunde selbsterklärend. Es handelt sich um eine psychische Störung, die mit immer wiederkehrenden Essattacken einhergeht.

Binge Eating gehört zu den häufigsten Essstörungen weltweit. Die Erkrankung hat bereits 1994 Einzug in das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) gefunden, ein Klassifikationssystem der Psychiatrie. Doch die Erforschung zu Auslösern und der entsprechenden Therapie hat gerade erst begonnen. Unbekannt ist daher, wie viele Binge-Eater es überhaupt gibt. Schätzungen gehen von einem Anteil von vier bis fünf Prozent der Bevölkerung aus.

Süchtig nach Essen

Betroffene haben die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren. Sie verputzen große Mengen wahllos zusammengestellter Speisen, als seien sie süchtig nach Essen. Die Anfälle erfolgen entweder in vergleichsweise kurzer Zeit oder dauern manchmal bis zu zwei Stunden. Fakt ist, dass Hunger nicht der eigentliche Auslöser für die “Fressattacken” ist. Auch Sättigung oder Genuss spielen keine Rolle.

Das unterscheidet die Essstörung von einem sogenannten “Überessen”, das wir sicher alle schon einmal erlebt haben: Ein gutes Buffet, von dem man möglichst viel probieren möchte, obwohl man doch eigentlich schon satt ist. Man isst in diesem Fall weiter, um auszuprobieren, Geschmack zu erleben.

Anders ist es beim Binge Eating: Es geht Betroffenen einzig und allein um die Nahrungszufuhr. Eine Kontrolle über sich selbst ist nicht möglich. Der Essanfall findet erst dann ein Ende, wenn der Magen schmerzt oder Übelkeit einsetzt. Anschließend empfinden Binge-Eater Schuld- und Ekelgefühle, sie schämen sich für ihr Verhalten.

Auswirkungen auf die Psyche

Wer an einer Binge-Eating-Störung leidet, ist meist stark übergewichtig. Der Body-Mass-Index liegt bei diesen Menschen bei über 30. Ein weiteres Problem, das, neben dem Auftreten zahlreicher gesundheitlicher Risiken, den psychischen Leidensprozess überschattet. Denn Esssüchtige wollen, im Gegensatz zu Bulimie-Kranken, die aufgenommene Nahrung nicht wieder loswerden, beispielsweise durch Erbrechen oder übertriebene Sportprogramme. Dennoch stehen Figur und Gewicht im Mittelpunkt ihres Interesses. Das Bewusstsein für das Fehlverhalten und die Unkontrollierbarkeit der Anfälle bilden einen Gegensatz und wirken sich nachhaltig auf die Gefühlslage und Psyche Betroffener aus.

Auffallend ist, dass zwischen den Essattacken eine gewisse Disziplin herrscht: Betroffene essen unregelmäßig, oftmals kleine Mengen, oder versuchen die ein oder andere Diät. All das wird durch den nächsten “Fressanfall” beendet.

An einer Binge-Eating-Störung erkranken vor allem junge Menschen ab 18. Essattacken werden allerdings auch schon bei Kindern beschrieben, auch, wenn hier noch nicht von einer vollausgeprägten Binge-Eating-Störung gesprochen werden kann.

Ursachen und Therapie von Binge Eating

Die Ursachen von Binge-Eating sind vielfältig. Allgemein erklärt, handelt es sich um einen Fehler in der Regulation eigener Gefühle.

Ablehnung und Kränkungen in der familiären Geschichte, insbesondere der Kindheit, gehören ebenso dazu, wie ein fremdbestimmtes Essverhalten in jungen Jahren. Stress ist ein weiterer Auslöser für Binge-Eating. Hinzu kommen auch fehlerhafte Essgewohnheiten, bei denen bestimmte Inhaltsstoffe fehlen.

Das rechtzeitige Erkennen einer Binge-Eating-Störung ermöglicht eine frühzeitige Therapie. Im Rahmen einer ausführlichen Anamnese werden sämtliche Faktoren zusammengetragen und analysiert. In meiner Praxis erziele ich sehr gute Erfolge mit der Hypnosetherapie und der Stoffwechselaktivierung.

Wie erkenne ich, dass ich an einer Binge-Eating-Störung leide?

Mit Hilfe des folgenden Fragenkataloges können Sie feststellen, ob es Anzeichen für Binge Eating gibt.

• Haben Sie mindestens einmal pro Woche anfallsartige Essgewohnheiten, und das bereits über einen Zeitraum von drei Monaten?

• Leiden Sie an wiederholten Episoden von “Fressattacken”?

• Wenn ja, treten diese Episoden zusammen mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:

o Spürbar schneller essen als normal
o Essen bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt
o Essen großer Mengen, obwohl gar kein Hungergefühl besteht
o Allein essen, damit niemand die Menge sieht, die man zu sich nimmt
o Nach dem Essen Ekel und Schuld, einhergehend mit einem depressiven Gefühl, dass man schon wieder so viel gegessen hat
o Nach den Essattacken kommt es nicht zu Erbrechen, einem Fasten oder exzessivem Sport

Wer an einer Binge-Eating-Störung leidet, besitzt häufig ein geringes Selbstwertgefühl. Viele Betroffene ziehen sich zurück und meiden soziale und gesellschaftliche Kontakte.

Die Ohnmacht während einer Essattacke kann zu Ablehnung der eigenen Person bis hin zum Selbsthass führen. Psychische Begleiterkrankungen und Folgen der Binge-Eating-Störung sind Depressionen, Phobien, bipolare Störungen und Manien.