“Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet.”

Der Auszug aus Schillers “Lied von der Glocke” ist zu einem geflügelten Begriff der Partnersuche geworden. „Wenn es so einfach wäre“, werden sicher viele von Ihnen seufzen und rückblickend an die eigene Trennung, oder diejenige von Freunden denken.

Sie haben Recht: Für eine Beziehung gibt es keine Testphase mit Rückgabegarantie. In vielen Fällen geht es gut, und es entwickelt sich eine stabile und fruchtbare Zweisamkeit. Doch viele Menschen geraten immer wieder an den falschen Partner. Warum ist das so?

Niemand ist beziehungsunfähig

Zunächst gilt: Niemand ist beziehungsunfähig. Trotz aller natürlichen und vorhandenen Bedürfnisse nach Liebe, Zuneigung und Intimität gibt es allerdings Menschen, die immer wieder an den Falschen geraten – und oftmals daran verzweifeln.

Eine nachvollziehbare Erklärung liefert John Bowlby mit der von ihm entwickelten Bindungstheorie. Die geht sehr weit zurück, an den Beginn unseres Lebens.

Als Babys lernen wir als Erstes, auf andere angewiesen zu sein; nur so können wir etwas erreichen. Haben wir beispielsweise Hunger, schreien wir, und die Bezugsperson wird sich um uns kümmern. Diese Verhaltensweisen, die zu einem Ziel führen, können ganz unterschiedlich sein: Babys reagieren wütend, mitleidsvoll, verzweifelt, oder auch selbstbewusst. Entscheidend ist, dass dieses zielgerichtete – und durchaus egoistische, weil überlebenswichtige – Verhalten sehr früh geprägt wird und eine Art Blaupause für unseren späteren, individuellen Umgang mit anderen ist. Nicht zuletzt in Beziehungen.

Bindungsverhalten: Welcher Typ bin ich?

Tatsächlich hat das Bindungsverhalten einen enormen Anteil an der Partnersuche, der Partnerwahl sowie der sogenannten Beziehungskompetenz, also der Art und Weise, wie wir eine Beziehung führen (können). Bowlbys Theorie wurde übrigens später dahingehend erweitert, dass auch die eigene Beziehungshistorie sowie der spätere Partner und dessen Bindungsverhalten Einfluss auf das eigene Bindungsverhalten nehmen.

Zugegeben, das alles klingt jetzt sehr theoretisch. Lassen Sie uns deshalb ein wenig in die Praxis eintauchen. Dazu dient ein recht einfaches, aber gutes Modell von Amir Levine und Rachel Heller. Die Psychologen ordneten jeden Menschen einem von insgesamt drei Bindungstypen zu, die übrigens nicht geschlechtsspezifisch sind:

1. Der sichere Bindungstyp

Im Grunde der ideale Beziehungspartner: Er kommt mit Nähe klar, kann aber auch Distanz problemlos ertragen. Menschen mit sicherem Bindungstypus führen stabile Partnerschaften, sind fast immer in Beziehungen und nur selten Single. Dieser Gruppe entsprechen etwa 50 Prozent der Bevölkerung.

2. Der ängstliche Bindungstyp

Er braucht viel Nähe und ist ständig in Sorge, ob der Partner ihn wirklich liebt. Treten Zweifel auf, oder fühlt er sich zurückgewiesen, wird er seine Bemühungen und sein Werben verstärken. Wir er zurückgewiesen, mündet sein Verhalten in Protest. Sein Credo: “Liebe muss man sich verdienen”. Zum ängstlichen Beziehungstyp gehören rund 20 Prozent der Bevölkerung.

3. Der vermeidende Beziehungstyp

Er sucht Distanz, denn Intimität und Nähe setzt er mit dem Verlust seiner Unabhängigkeit gleich. Dennoch verspürt dieser Typus die Sehnsucht nach Nähe. Aber er benötigt stets eine gewisse Distanz, um bloß nicht in einer Beziehung aufzugehen. Entsprechend zweideutig sind die Signale, die er dem Partner/der Partnerin aussendet. Zum vermeidenden Beziehungstyp gehören ebenfalls 20 Prozent der Bevölkerung.

Neben den genannten gibt es noch einige Mischformen, die allerdings meist in den Bereich der Persönlichkeitsstörungen fallen (Narzissmus, Borderline, etc.), und die ich an anderer Stelle bespreche.

Der Konflikt zwischen den Bindungstypen

Für alle Bindungstypen gilt: Sie wollen mit ihrem Verhalten erlebte oder erneut befürchtete Verletzungen künftig ausschließen. Sie entwickeln Schutzstrategien, die weitreichenden und nachhaltigen Einfluss auf die Partnerwahl und die Partnerschaft haben.

Dazu ein Beispiel:

Erlebt ein Mensch in seiner Prägungsphase, dass er sich Liebe und Zuneigung immer wieder verdienen muss – ist er also ein ängstlicher Bindungstyp – entwickelt er die Überzeugung, dass eine Bindung persönlichen Einsatz erfordert. Er muss dem anderen stets beweisen, wie liebenswürdig er ist, um den schmerzhaften Gedanken, selbst “nicht perfekt” zu sein, zu vermeiden.

Entsprechend wird sich diese Person bei der Partnerwahl sehr viel Mühe geben. Dieses Bemühen drückt sich zum Beispiel in ständigem Werben und Nachfragen aus. Man möchte beim anderen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, um ihn oder sie zu gewinnen. Das Verhalten wird von Betroffenen übrigens keineswegs als belastend empfunden.

Trifft ein solcher Bindungstyp nun auf einen ebenfalls ängstlichen Bindungstypen, wird dieses Verhalten nicht aktiviert. Sie können sich keine wirkliche Mühe geben, denn Menschen, die sich ebenfalls um sie bemühen, sind emotional unattraktiv, langweilig und, wenn überhaupt, dann als Freund oder Freundin interessant.

Anders ist es, wenn ein ängstlicher Bindungstyp auf einen vermeidenden Bindungstypen trifft. Diese Gruppe passt exakt in das Beuteschema des ängstlichen Bindungstypen. Denn der vermeidende Bindungstyp mag es, wenn andere sich um ihn bemühen. Das stärkt sein – eigentlich geschwächtes – Selbstwertgefühl. Aber damit beginnt auch ein Konflikt: Denn der vermeidende Typus setzt auf Autonomie und Selbstbestimmung. Er hat Angst, in einer Bindung aufzugehen und sich damit als eigenständig handelnde Person praktisch “aufzulösen”.

 

Vermeidender Bindungstyp (Beispiel Mann) trifft auf ängstlichen Bindungstyp (Beispiel Frau)

Mann: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Beziehung möchte.“

Diese Ambivalenz aktiviert das Bindungssystem der Frau, und sie wird sich um diesen Mann bemühen.

Der Mann wird das als Form der Anerkennung zunächst schätzen. Sobald allerdings sein Bindungsverhalten aktiviert wird, das besagt, zu viel Nähe macht Angst, wird er sich zurückziehen.

Das aktiviert wiederum ihr Bindungssystem, und sie wird sich noch mehr Mühe geben.

Am Ende wird eine Seite aufgeben und die Beziehung beenden.

 

Die Folgen

Sowohl der ängstliche als auch der vermeidende Bindungstyp bräuchte einen Partner, der zum stabilen Bindungstypen gehört. Nur sind diese selten zu finden, da sie eben leicht eine Beziehung eingehen und diese auch lange Zeit fortführen. Grund für das falsche Bindungsverhalten ist also die Tatsache, dass man unbewusst auf den falschen Partner setzt.

Viele Bindungstypen geraten an Partner, die für sie unerreichbar sind, bzw. die sich zunächst erobern lassen wollen und sich dann zurückziehen, sobald für sie Nähe des anderen spürbar wird. Es kommt aber noch ein weiteres Problem hinzu: Je mehr Trennungen wir durchleben, desto mehr (Schutz-)Strategien entwickeln wir, um diese künftig zu vermeiden.

Genau daraus erhalten die individuellen Bindungstypen auch immer wieder neue Nahrung und verfestigen sich. Zudem hat das Bindungssystem einen großen Einfluss darauf, wie wir eine Partnerschaft gestalten.

Lösungswege aus falschem Bindungsverhalten

Die Partnerberatung, die ich in meiner Praxis erfolgreich durchführe, bietet nachhaltige Möglichkeiten, aus dem Kreislauf des Beziehungssystems auszubrechen. Grundlage der Hilfe ist, dass Betroffene vor allem in der Kennenlernphase zu der Überzeugung gelangen: Eine Partnerschaft ist möglich, gestaltbar und hat die Chance auf Bestand.

Verhaltensweisen, die wir als Schutz aufbauen, hemmen uns bei unserer Suche nach einem Partner/einer Partnerin und sie stärken unsere Ängste und die Glaubenssätze. Hier ist es entscheidend, falsche Überzeugungen ad absurdum zu führen und durch neue Strategien auszutauschen. Die angeeigneten Schutzstrategien müssen erkannt werden, um sie zu verändern bzw. aufzugeben.

Haben Sie Fragen zum Thema? Dann freue ich mich auf Ihre Zuschrift oder Ihren Anruf.